Interview mit dem Markthändler Rolf Borchert am Sinsener Markt

 

„Mittwochs in Sinsen habe ich ein Heimspiel. Das ist sehr angenehm.“ 

 

"Rolf, du hast im März 2005 den Sinsener Wochenmarkt neu begründet, wie ist deine Bilanz?"   -   Gut, sonst wäre ich nicht mehr da."

 

"Aber seit einem Jahr ist Netto am Standort. Heftige Konkurrenz für den Markt?" 

 

"Konkurrenz, ja, einerseits, die einzelnen Kunden kaufen jetzt weniger, weil sie, seit Netto da ist, auch an den übrigen Tagen hier Einkaufsmöglichkeiten haben. Aber andererseits habe ich auch Neukunden für mein Angebot gewinnen können. Sie kommen hier vorbei, weil Netto da ist."

 

"Bilanz insgesamt?"   -   "Weniger Umsatz als vorher. Zwei Marktbeschicker haben kapituliert. Ich bleibe."

 

"Weil?"   -   "Dienstags, freitags und samstags bin ich mit meinem Stand in Herten in der Innenstadt. Das läuft. Mittwochs in Sinsen habe ich ein Heimspiel, quasi vor meiner Haustür. Das ist sehr angenehm. Ich muss dazu auch sagen, dass die Mittwoch-Märkte wegen veränderten Käuferverhaltens generell nicht mehr so laufen. Sinsen ist dabei vergleichsweise nocht gut. Ja. Und eben ein Heimspiel. Und eine freundliche Kundschaft. Man kennt sich eben."

 

"Rolf, du warst nicht immer schon Markthändler, und du kommst aus..."   

 

"Recklinghausen. Ich bin gelernter Koch. In Recklinghausen habe ich meine Ausbildung gemacht. Dann war ich 1  1/2 Jahre Koch bei der Marine auf einer Fregatte, dann im Excelsior Hotel in Köln, dann bei Hapag Lloyd als Koch drei Jahre auf dem MS Europa."

 

"Alle Weltmeere gesehen?"   -   "Alle..."

 

"Auch Japan?"    -    "Nein, Japan nicht, aber Honkong, Bombay. Dort habe ich auch viel Elend gesehen. Das kannst du mir glauben."

 

"Und dann zurück ins Ruhrgebiet?"    -    "Ja, ich kürze ´mal ab. 15 Jahre habe ich den Stop-Shop auf der Holunderstraße gemacht. Dann ergab sich die Gelegenheit, von Bekannten einen Marktstand für Gemüse zu übernehmen."

 

"Gemüse? Heute zählt doch auch Obst zu deinem Sortiment."     -    "Ja. die Leute kochen immer weniger selbst. Das heißt, es landen häufiger Tiefkühlkost oder andere Fertigprodukte auf dem Teller. Den sinkenden Umsatz versuche ich quasi mit Bananen und Äpfeln aufzufangen..."

 

"Rolf, ich habe während des Interviews aufgepasst. Was machst du eigentlich montags und donnerstags?"    

 

"Auf keinen Fall Pause. Donnerstags, und saisonbedingt im Sommer auch montags, mache ich mit dem LKW meine Einkaufstour für die Frischware. In den ersten Jahren habe ich meine Ware in Straelen am Niederrhein auf einer Gemüseversteigerung erworben. Sie hieß "Die Uhr". Die Erzeuger haben dort persönlich ihre Erzeugnisse angeboten. Da wusste ich, wessen Salat auf meinem Stand landet. Nach und nach haben die Handelsketten die Betreiber der Versteigerung und die Bauern immer mehr geknebelt. Schließlich sollte ich Mindestmengen von Produkten abnehmen, deren Erzeuger nicht mehr eindeutig identifizierbar waren. Immer mehr kleine Händler nahmen nicht mehr an der Versteigerung teil, und die Handelsketten schlossen direkt Verträge mit den Bauern ab. Kurz: "Die Uhr" in Straelen ist dicht. Nur einige Bauern sind mir geblieben. Sie vermarkten ihre Erzeugnisse direkt an Wiederverkäufer. Du kannst dich überzeugen, dass dort korrekt produziert wird. Den Großteil meiner Waren kaufe ich in den Niederlanden. In Venlo ist das Verteilerzentrum für Südfrüchte und Überseewaren. So etwas hast du noch nicht gesehen."

 

"Ich war schon morgens um 5 Uhr auf dem Pariser Großmarkt." 

 

"Aber so etwas wie in Venlo hast du noch nicht gesehen. Von dort werden die Großmärkte beliefert. Du kannst ja `mal mitkommen und dich überzeugen. Startzeit 6 Uhr morgens."

 

"Und keinen Urlaub?"   -   "Doch, einmal im Jahr muss ich für eine Woche zur See. Hochseeangeln in dänischen Gewässern. Das ist absolut!"

 

Interview mit Rolf Borchert, Wiederbegründer des Sinsener Wochenmarktes 

 

Mittwoch 20.04.2011

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© Peter Wenzel